Die Freiheit riechen
Die sanfte Brise streichelte ihre Wangen, und sie spürte die salzige Gischt des Meeres auf ihrer Haut. Die Sterne funkelten über ihr wie Diamanten am schwarzen Samt des Himmels, und der Mond leuchtete hell und silbern über dem Horizont.
Auf dem Deck des Schiffes stand sie in einem eleganten Gewand, das im Wind flatterte wie die Flügel eines Vogels. Die Besatzung bestand aus furchtlosen Seefahrern und wagemutigen Abenteurern, die mit ihr den Ozean eroberten. Die Lieder, die sie sang, erfüllten die Luft und liessen die Wellen tanzen. Die Menschen klatschten und jubelten ihr zu, und in ihren Augen leuchtete die Anerkennung und Bewunderung, die sie so sehr ersehnte.
Diese Nacht war es nur ein Traum. Es war Spätsommer, und sie sass am Pier auf einer Hafenmauer und dachte über sich und das Leben nach. Oft stellte sie sich die Frage, wohin ihre Reise sie wohl führen mag. Wie ein im Wasser treibendes Tuch liess sie sich gleiten und wand sich in den hektischen Wellen des Lebens wild und unberechenbar, doch stets mit einer gewissen Anmut.
In ihrem Herzen nährte sich über die Jahre nicht nur die Sehnsucht nach dem Meer, sondern auch diejenige nach Reichtum. Wer derart von der Freiheit träumt, braucht wohl entsprechende Unabhängigkeit. Und doch wusste sie nur zu gut, dass diese Ungenügsamkeit in den Kreisen, in welche sie emporsteigen wollte, nicht offen zur Schau getragen werden sollte.
Obwohl sie nicht fromm war und eher an ihre eigenen Fertigkeiten als an Gottheiten glaubte, verstand sie es, sich im alumenischen Reich und innerhalb des temorianischen Glaubens opportun zu verhalten und sich ebenso elegant durch die Gesellschaft wie durch die dortigen Gassen zu bewegen. Doch ihr Hintergrund aus ärmlichen Verhältnissen hatte sie zu oft Widrigkeiten und Ungerechtigkeiten erleben lassen, als dass sie viel auf den Trost der Götter der Reichen gegeben hätte. Hingegen liebte sie das Ritual in jedweder Form. Eine Prozession der Kirche, bei welcher die versammelte Gemeinschaft die Stimme erhebt, hatte etwas sehr Kraftvolles für sie — auch wenn sie nie verstand, weshalb sie einem Herrn huldigen sollte, der angeblich für das vertrocknete Stück Brot vom Vorabend verantwortlich war.
So arrangierte sie sich mit den Gepflogenheiten des Königreichs und mimte zumindest stets ein gewisses Interesse gegenüber Adel und Kirche. Obwohl sie vom Strassenleben geprägt war, verstand sie es dennoch, sich zwischenzeitlich gesellschaftsfähig zu geben. Wenn schon nicht dem göttlichen Pantheon, so konnte sie wenigstens ihrer eigenen, wandelbaren und charismatischen Wortgewandtheit vertrauen.
Mit ihrem verbalen Talent und ihrem Charme öffnete sie nicht nur die Herzen, sondern oft auch den Goldbeutel des Publikums. Hinter ihrem unschuldigen Lächeln verbargen sich ein scharfsinniger Verstand und ein ausgeprägtes Gespür für Gelegenheiten, um sich neben der Gage auch noch ab und an einen kleinen Obolus obendrauf anzueignen — teils mit, teils ohne offizielle Zustimmung der jeweiligen Spender. Mit anderen Worten: Die fleissig geübten Finger konnten nicht nur die Saiten zupfen, sondern auch das eine oder andere Schloss knacken.
Von Jugend an, über Monde und mittlerweile gar Jahresläufe hinweg, zog sie durch die Städte und Dörfer. In der Küstenregion von Schwarzwasser war sie zuhause. Im Laufe der Jahre als Spielfrau, vielleicht zum Teil gar Künstlerin, aber mit Gewissheit und in erster Linie eine Streunerin. Es war nicht wirklich ein Ort, an dem das Kunstschaffen zu Reichtum führte, obwohl dieser grundsätzlich in jener Region vorhanden war. Und dennoch fühlte sie sich beim Spiel im Hafen oft reicher als so mancher Aristokrat, der wiederum gefangen an einem Schreibtisch verharren und Silber zählen musste. So hatte sie doch das Meer und konnte jeden Morgen die Freiheit riechen, wie sie über die weite See zu ihr getragen wurde. Hier führte sie ein unstetes, armes, doch irgendwie zufriedenes Leben. Und sie hatte stets die Musik als ihre Begleiterin.
Nicht geeilt, nicht geschleppt
Ein Talent, welches Elandra — denn so hiess sie damals — offensichtlich mit ihrem Bruder Mattis teilte oder gar von ihm erlernt hatte. Abend für Abend holte er sie nach der Arbeit bei den Tavernen ab. Er pfiff dabei manchmal euphorische, manchmal tieftraurige, doch stets mitreissende Melodien, welche die leeren Gassen füllten. Mattis brachte ihr nicht nur das Pfeifen, Singen und Tanzen bei, sondern auch das Schnorren. Ihre gewiefte Zunge wurde bald schon zu einem passablen Werkzeug, das viele Türen zu öffnen wusste. Bald schon verdiente sie sich ein stattliches Zubrot in den Tavernen, da sie lernte, dass sie stets mehr Münzen zugesteckt bekam, wenn sie bei der Arbeit in den Schänken die Stimme erhob und vor sich hin trällerte oder Sprüche klopfte. Und sie traf die melancholischen Töne, welche den hier Ansässigen sowohl Tränendrüse wie auch Goldbeutel öffneten.
Die beiden trafen auf ihren Pfaden reichlich Leute an. Da sie von jung an in den Schänken umherpilgerten, war durchaus die eine oder andere spannende Begegnung dabei. Doch keine blieb derart im Gedächtnis wie der alte Farras. Ein hagerer Mann, in den letzten Zügen seines erlebnisreichen Lebens. Er hatte stets grossen Gefallen an den beiden und gab ihnen gute Mahlzeiten aus. Mehrere Wochenläufe war er jeweils in derselben Taverne zugegen und erfreute sich aufrichtig an ihren Begegnungen. Er kehrte jeden Sommer zurück nach Siebenwacht — stets von Süden her, stets mit anderem Salz in den Kleidern — und brachte Geschichten mit, wie sie hier oben niemand erzählte: von den Häfen Gerimors, von Untiefen ohne Namen, und immer wieder von K'awi, jener nebelverhangenen Insel weit draussen im offenen Meer, an der er nach eigener Aussage zweimal vorbeigesegelt war, ohne je einen Fuss an Land setzen zu können. Das lag da schon Jahre zurück, aus seiner Zeit als junger Seemann, lange bevor er zum grauen Geschichtenerzähler wurde, der jeden Sommer denselben Weg nach Siebenwacht nahm. Niemand konnte das, sagte er — damals jedenfalls. Was genau ihn zurückgehalten hatte, sagte er nicht — nur, dass es nicht das Wetter gewesen sei. Er lehrte die beiden gar das Spiel auf seiner Fidel. Dabei gebrauchte er Wörter, die hier keiner kannte — Bezeichnungen für das Tempo eines Stücks, aufgeschnappt bei Spielleuten irgendwo weit im Süden. Eines davon blieb hängen. «Andante», sagte er und liess den Bogen ruhig über die Saiten laufen, das heisse so viel wie gehend. Nicht geeilt, nicht geschleppt. Der Schritt eines Menschen, der weiss, dass er unterwegs ist. Eines Abends jedoch war er ungewöhnlich still. Seltsam, war doch die Taverne voll und gefüllt mit heiterer Stimmung. Als alle Gäste bereits verschwunden waren, Elandra und Mattis noch die Tische leerten, da rief er sie zu sich. Er nahm seinen Umhang, schlug ihn über die Fidel, wickelte sie ein und reichte sie Elandra mit gleichsamer Verbeugung — wie den Säbel bei einer Schwertleite. «Viele Geschichten warten darauf, von Dir erzählt zu werden. Meine nimmt allmählich ihr Ende. Und wenn Du einem alten Greis die grösste Ehre erweisen möchtest, dann nimm dieses Werkzeug und lasse die Welt deine Stimme hören.»
Im nächsten Sommer kam er nicht. Auch im übernächsten nicht. Elandra sass mehrere Wochenläufe lang jeden Abend in derselben Schänke, hielt den Platz am Fenster frei und sah zur Tür, wann immer sie aufging. Irgendwann hörte sie auf zu fragen. Die Wirtsleute wussten nichts, und die Seeleute, die ihn gekannt hatten, zuckten mit den Schultern. Alte Männer verschwinden, ohne dass jemand darüber Buch führt.
Sie behielt die Fidel. Und weil ein Name, den das Hafenviertel vergibt, nicht weit reist, behielt sie auch das eine Wort, das er ihr dagelassen hatte. Von da an trat sie als Andante auf. Elandra blieb in Siebenwacht zurück, zusammen mit dem Platz am Fenster.
Mattis sah sie mit dem Älterwerden schleichend, doch stetig immer weniger. Er hatte sich in Hedda verliebt, die Tochter eines Netzflickers aus dem unteren Viertel, und war ruhiger und sesshafter geworden. Heute rollt er Fässer am Kai, hat zwei Kinder, einen krummen Rücken und eine Pfeife, die er sich eigentlich nicht leisten kann. Das Verhältnis zwischen den beiden war ungebrochen, doch sah man sich schlicht nicht mehr in derselben Häufigkeit.
Ihren letzten gemeinsamen Abend hatten sie am Ende eines Winterlaufs auf der Mauer über dem Fischmarkt, die Beine über der Kante. Er pfiff jene alte Melodie, mit der er sie früher aus den Schänken geholt hatte, und sie legte die Fidel an. Sie spielten das Stück zu Ende, ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass es das letzte Mal auf diese Weise sein würde. Beim Abschied drückte er ihr scherzhaft eine einzelne Kupfermünze in die Hand — nicht als Gabe, sondern wie früher, wenn er das Trinkgeld gerecht zwischen ihnen aufteilte. Sie hat sie nie ausgegeben. Sie trägt sie bis heute eingenäht im Futter ihres Hutes.
In den Jahren nach der Trennung ihrer Wege war sie meist alleine unterwegs. Und immer wieder dachte sie an jenen letzten Abend mit Farras zurück. Nicht selten überkam sie dabei die Trauer darüber, den Alten nie mehr gesehen zu haben. Nicht mehr seinen Geschichten zu lauschen. Jedes Mal, wenn die Wehmut zu gross wurde, setzte sie sich zur untergehenden Sonne an die Felsen über der Brandung und spielte des Alten liebstes Lied auf. Der Bogen glitt dabei über die Saiten wie ein stoischer Kahn über die Wellen. Ob es Gischt war oder womöglich gar die eine oder andere Träne, die über ihre Wangen hinablief, sollte das Geheimnis von ihr und dem Meer bleiben. Bevor sie die ersten Zeilen sang, schloss sie die Augen. Um sie dann mitsamt den ersten Silben und ihrer Stimme zu öffnen. Voller Inbrunst liess sie die Weiten vernehmen:
Weder kräftiges Mahl noch wohliges Heim,
mir fehlt es an allem, doch nur nicht am Reim.
Vom Wirte gehetzt und arg geknechtet,
im Stall über Stroh stets einsam genächtet.
Die Gassen sind nass — karg und auch leer;
das Leben am Hafen traurig wie schwer.
Die Steine sind kalt, hart wie der Wind;
eile mein Kind, zur Schänke geschwind.
Die Wellen sie tosen am Hafen empor,
am Rande des Fernen schaut Sonnschein hervor.
Doch eh' noch die Strahlen zart wärmen das Kinn,
geleiten die Böen den Sturm nun hierhin.
Die Gassen sind nass — karg und auch leer;
das Leben am Hafen traurig wie schwer.
Die Steine sind kalt, hart wie der Wind;
eile mein Kind, zur Schänke geschwind.
Die Fremden sie sitzen am hölzernen Tisch,
es riecht modrig nach Pech, nach Schnaps und nach Fisch.
Sie erzählen Geschichten von stürmischer See.
Die Sehnsucht nach Ferne, sie wächst und tut weh.
Die Gassen sind nass — karg und auch leer;
das Leben am Hafen traurig wie schwer.
Die Steine sind kalt, hart wie der Wind;
eile mein Kind, zur Schänke geschwind.
Die Geschichten, das Essen, der Schalk und der Wein,
sie machen das Leben spannend wie fein.
Es fehlt uns an Reichtum und jedwedem Gold.
Doch gemeinsam verprassen wir gestrigen Sold.
Die Gassen sind nass — karg und auch leer;
das Leben am Hafen traurig wie schwer.
Die Steine sind kalt, hart wie der Wind;
eile mein Kind, zur Schänke geschwind.
Im Glanz der Sterne
Die zwielichtigen Hafenkneipen, wo das Herz der Stadt schlug — dort blühte sie zur Bestform auf. Sie wusste in ihrem Innern, dass ihre Heimat, ihr Ursprung, nicht in den goldenen Hallen lag, von denen sie zwar manchmal träumte. Stattdessen kehrte Andante immer wieder zu den hassgeliebten, stinkenden Tavernen am Pier zurück. In unstetem Rhythmus zog sie zwischen den verschiedenen Dörfern und Städten entlang der Küste weiter. Immer auf der Suche. Rastlos, überall entlang der Küste etwas daheim und gleichzeitig nirgendwo. Die Geschichten der fremden Seefahrer über die entlegenen Inseln und die Abenteuer auf den Wellen des Ozeans faszinierten sie zutiefst. So sehr, dass sie ihre eigene Geschichte einst zu einer solchen Erzählung werden lassen wollte. Bis dahin sollte es aber zumindest ihre Muse für das Schöpfen neuen Liedwerks sein.
Eines Abends fand sie sich in einer eher düsteren Hafentaverne in einer kleinen Stadt wieder. Doch könnte dieselbe Taverne auch drei Ortschaften weiter zu finden sein. Oder zwei davor. So wie an vielen Abenden gab sie ihre Geschichten in Liedform zum Besten und entführte die Menschen mit ihrer Musik in eine andere Welt.
Die Seemänner berichteten oft von Orten fernab der bekannten Welt. So zum Beispiel von einem Ort namens K'awi — und bei diesem Namen hob Andante den Kopf. Sie kannte ihn. Farras hatte ihn ausgesprochen, damals, in einer Schänke viele Wegstunden weiter nördlich, mit jener halben Beiläufigkeit, mit der alte Männer über Dinge reden, die sie nicht loswerden. Nebelverhangene Gewässer, hiess es hier. Nicht die klassische Schatzinsel, von der man reich zurückkehrte — sondern ein Ort, den über Generationen hinweg überhaupt niemand erreichte. Weit draussen habe sie gelegen, gegen jedes Anlanden abgeschirmt, und weder Karte noch Steuermann noch Gebet hätten je etwas daran geändert. Man hatte sie gesehen, gezeichnet, besungen, und war doch nie angekommen. Und dann, so erzählten es die Seemänner, habe die Insel sich Gerimor genähert. Nicht wie ein Land sich nähert. Wie ein Wesen. Heute führe eine Brücke hinüber, und wer sie beschreite, betrete etwas, das jahrhundertelang keinen eingelassen hatte. So munkelte man zumindest in dieser Taverne.
Andante rechnete nach, während sie zuhörte. Es war nicht lange her. Farras hatte davon nichts mehr erfahren. Dieser bittere Gedanke brandete in ihr auf wie eine Welle und liess, als er sich wieder legte, einen stillen Entschluss zurück: Sie wollte es nicht bei blossen Träumereien belassen. Eine unbändige Neugier trieb Andante dazu, mehr über solche Orte zu erfahren und vielleicht sogar irgendwann sie alle zu erkunden. Die Möglichkeit, einen Fuss auf etwas zu setzen, das so lange keinen Fuss geduldet hatte — und die Geschichte davon schliesslich zu erzählen und zu besingen — liess ihr Herz höher schlagen. Doch für den Moment beschränkte sie sich darauf, diese Orte in ihrem Gesang zu bereisen. Und so erhob sie die Stimme in der Spelunke und liess die Zeilen hinaus in die gedrängten Strassenzüge gleiten:
Auf den Wellen wir reisen, fern und auch weit,
zu K'awi, zu K'awi, unsre Herzen befreit.
Ein Ort voller Zauber und grosser Magie,
wo Träume, sie tanzen, verebben sie nie.
K'awi, K'awi, im Glanz der Sterne,
die Sehnsucht nach dir, von der ich so schwärme.
Von Legenden umgeben, den Geist befreien —
Land in Sicht! Es erklingen Schalmeien.
Der Wind singt ein Lied von fernem Land,
wir folgen dem Ruf an den Weltenrand.
In den Hafen der Hoffnung segeln wir, Kind,
auf K'awi, auf K'awi, wo Geheimnisse sind.
K'awi, K'awi, im Glanz der Sterne,
die Sehnsucht nach dir, von der ich so schwärme.
Von Legenden umgeben, den Geist befreien —
Land in Sicht! Es erklingen Schalmeien.
Ein mystischer Ort, wo Träume gediehen,
die Seelen sich finden, ans Ufer sie ziehen.
Die Wellen erzählen von vergangenen Zeiten,
auf K'awi, auf K'awi, wo Sterne dich leiten.
So lange verwehrt und so lange verhüllt,
kein Segel, kein Ruder hat's Sehnen gestillt.
K'awi, du Rätsel, so geheim und auch wild,
wir folgen der Brücke, mit Schwert und mit Schild.
K'awi, K'awi, im Glanz der Sterne,
die Sehnsucht nach dir, von der ich so schwärme.
Von Legenden umgeben, den Geist befreien —
Land in Sicht! Es erklingen Schalmeien.
Frei und für den Augenblick reich
Der Abend lief aus ihrer Sicht eigentlich ganz gut. Andante füllte die Ränge der Kneipe, als sich ihre Klänge durch die nahen Gassen drückten. Sie erhoffte sich mit fortschreitender Abendstunde, in diesem Moment tatsächlich auch mal wieder etwas Gold zu erspielen. So dass sie sich die nächsten Tage dann wieder treiben lassen konnte. Weiterziehen. Doch an diesem Abend erwies sich der Gastgeber, ein griesgrämiger Wirt hinter ranziger Schürze, als waschechter Geizkragen. Kaum legte sie die Fidel nieder, versuchte er Andante mit nicht einmal halbem Lohn vor die Tür zu setzen. Fadenscheinig begründet, von wegen sie hätte weniger als die Hälfte aller Töne getroffen, entsprechend auch nicht mehr des Goldes verdient.
Zornig und enttäuscht über die miese Behandlung beschloss die Bardin, sich mit ihren Waffen zur Wehr zu setzen. Während sie bereits vom Türsteher, einem ehemaligen Matrosen, der mehr Breite als sie Höhe aufwies, gepackt und geleitet wurde, stimmte sie einen rhythmischen Chorus an. Sie liess die Stimme laut erklingen und begann, die anwesende Meute mit johlenden Parolen abzuholen. Aus dem Nichts stimmte die gut angetrunkene Kundschaft lauthals in den Gesang mit ein. Wogen von Gesängen schlugen ineinander, Stimme über Stimme, alles artete im Durcheinander aus. Bis sich plötzlich ein riesiger Streit entfachte, der in einer wilden Schlägerei gipfelte. Alle gegen alle. Chaos.
Inmitten dieser wie von Zauberhand beschworenen Eskalation ergriff Andante die Gelegenheit und schnappte sich einen zierlich bestickten Lederbeutel vom Tresen. Wahrscheinlich das Gold, welches der Wirt nicht von selbst herausrücken wollte. Beim Ergreifen klimperte es bestätigend. Womöglich waren auch ein paar Münzen mehr in dem Beutel, wer weiss das schon. In jenem Moment war sicherlich keine Zeit fürs Nachzählen. In Windeseile machte sie sich davon. Sie sputete zu einem offenen Fenster, winkte mit ihrem Hut und sprang in die noch junge Nacht hinaus — frei und für den Augenblick reich dazu. So ergab sie sich dem Treiben und strandete bereits in der nächsten lebhaften Meile bis tief in den Morgen hinein.
Wir lassen das Festland zurück
Einige Wochenläufe nach der Schlägerei war Andante abermals in derselben Stadt unterwegs. Längst hatte sie das Gerangel in der Taverne vergessen, denn für sie endete so manch ein Abend in ähnlichem Getümmel. Der normale Lauf der Dinge in den Spelunken des Hafenviertels. So schienen auch die hellen Stunden des Tages die üblichen zu sein. Die See trug eine frische Brise heran, welche dann aber doch meist vom Fischgeruch übertönt wurde. Doch die Sonne schien kräftig und das Leben hier zufrieden.
Nichts ahnend spazierte sie der Hafenanlage entlang, die Fidel auf dem Rücken, da erhaschte sie erschrocken inmitten des regen Treibens auf dem Pier einen Blick auf den wohlbekannten Geizkragen. Sofort erinnerte sie sich seiner fiesen Fratze. In Windeseile senkte sie das Haupt und zupfte die Krempe ihres Hutes tief ins Gesicht. Eilig schlug sie einen Haken und beschleunigte die Schritte. An der nächsten Ecke erlaubte sie sich einen hastigen Blick zurück, und ein siegessicheres Schmunzeln breitete sich über ihre Lippen. Doch noch beim Abbiegen verschwand das Grinsen, als sich nur wenige Schritt entfernt der Griesgram in der Menge aufbäumte.
Mit rotem Gesicht und wilden Augen fing er sofort an zu brüllen. Andante griff nach ihrem Hut, um diesen fest zu drücken, und sputete davon. Der Wirt eilte ihr nach wie der Donner auf den Blitz. Die Bardin spürte, wie ihr das Herz bis zum Halse schlug. Ein hastiger Takt hämmerte in ihren Schläfen, als sie die schweren Schritte des Wirtes näher kommen hörte. In einem verzweifelten Versuch, sich zu retten, flüchtete sie in Richtung des Kontors. In ihrer Erinnerung wanden sich dahinter enge Gassen und dichtes Treiben. Oder hatte sie es falsch im Kopf, und die Strassen weiteten sich hier gerade dahinter? Keine Zeit. Der Wirt war hartnäckig und blieb ihr stets auf den Fersen. Nein, er holte gar auf, was bei seiner Statur doch erstaunlich war. Doch hatte Andante viel zu schleppen: ihr weniges Hab und Gut, doch immerhin die Fidel auf dem Rücken.
Als der Wirt sie fast schon erreicht hatte, drehte sich Andante blitzschnell um und stolperte theatralisch über einen unsichtbaren Stein. Sie liess dabei unbemerkt einen ledernen Beutel klanglos zu Boden gleiten und rollte ihn noch während des Falls geschickt mit ihrem Fuss unter einen Pritschenwagen. Ein wahres Kunststück. Der Wirt stürzte über sie. Im Durcheinander der aufgebrachten Menschenmenge, die sich durch die lauten Geräusche und Flüche angezogen fühlte, verschleierte ein Wirbel aus Strassenstaub ihre flinken Bewegungen.
Als der Wirt sie hochzerrte und nach dem gestohlenen Gold verlangte, bedeutete ihm Andante mit gespielt schmerzverzerrtem Blick, dass sie die — wohlgemerkt verdiente — Gage noch in derselben Nacht bereits wieder verloren hatte. Irgendeine Geschichte mit auf Tischen tanzenden Matrosen, mürrischen Gardisten und Würfelpech. Sie streckte ihm daraufhin einen fast schon leeren, zerlumpten, alten Beutel hin. Der Wirt, der in seiner Wut und Eile tobte, entriss ihr wetternd den Beutel und schenkte ihr scheinbar Glauben. Zumindest stopfte er sich den Beutel in die Schürze und verschwand fluchend durch die versammelte Meute. Andante fühlte sich einen Augenblick lang in Sicherheit, packte flink beim Aufstehen die im Staub versteckte Beute und erhob sich.
Kaum erreichte der Wirt die offene Strasse, da pfiff er mit den Fingern und winkte zwei übermässig grosse Matrosen mit scharfem Ton zu sich heran. Er nickte gen Andante. Die Handbewegung, die er dazu machte, deutete an, dass etwas zerquetscht werden sollte. Offensichtlich hatte er grosses Vertrauen in deren Können, denn er wandte sich ohne Blick zurück ab und schritt davon. Daraufhin zögerte Andante nicht länger und spurtete davon. Als sie sich nach drei Wegekreuzen kurz umblickte, sah sie, wie die beiden Muskelpakete zwar langsam, aber stoisch die Verfolgung aufgenommen hatten.
Andante nahm die zum Glück heil gebliebene Fidel vom Rücken sowie auch die Beine in die Hand und eilte in Richtung des Hafens. Als sie die Anlegestelle erreichte, keuchte sie vor Erschöpfung. Zu viel der Hast für eine Lebefrau. Das Gedränge in den schmalen Gassen hatte es ihr nicht leicht gemacht zu entkommen, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. In diesem Moment erblickte sie einen grossen Kutter, der gerade ablegen wollte. Die perfekte — aber wohl auch eher einzige — Fluchtgelegenheit. Wie in einer Heldensage.
In einem letzten Spurt hielt sie keuchend auf das Schiff zu und sprang mit aller Kraft vom Steg — landete aber nicht so elegant wie geplant. Stattdessen polterte sie geradewegs vor den Füssen des Kapitäns lauthals auf das Deck. Der Seebär, der vor Verwunderung und Ärger ausser sich war, entgegnete mit kräftiger Stimme und noch grösserem Gepolter. Er beschimpfte die Bardin mit allen wüsten Worten und drohender Faust. Andante versuchte noch, sich mit gewitzter Zunge mühsam zu erklären. Doch der Kapitän roch förmlich ihre Not und beschloss, die Situation für sich zu nutzen.
«Wenn Du auf meinem Kahn bleiben willst, dann gibst Du mir sofort dein gesamtes Gold! Ich pass für Dich gerne darauf auf. Ansonsten können wir ja sehen, wie gut Du schwimmen oder mit deinen Freunden dort drüben ringen kannst», forderte der Kapitän grimmig und drohend. Andante, die keinen anderen Ausweg sah, streckte ihm mit reumütigem Blick den Beutel mitsamt bestickter Verzierung entgegen.
Der Kapitän nickte halbwegs zufrieden und deutete auf einen freien Platz an Deck. «Du bist eine Spielfrau, wie? Na dann mach dich sodann an deine Arbeit. Die Mannschaft segelt deutlich besser zu einem ordentlichen Takt. Wenn Du Dich gut hältst, soll dieser Beutel deine Heuer sein. Ansonsten bleibt er bei mir und Du grüsst die Fische, ja?!» Eifrig nickte Andante und setzte ein überzeugtes Lächeln auf. «Aye… aye aye!»
Während Andante kurz darauf an den Mast gelehnt die Fidel zückte, um sie zu stimmen, rief sie fragend über Deck: «Wo geht's eigentlich hin?» Der Kapitän antwortete knapp zwischen den Zähnen hindurch: «Bajard…», ehe er unter Deck verschwand. Zwar hatte sie sich den Aufbruch vom Festland wesentlich feierlicher vorgestellt, doch wusste sie als Streunerin sondergleichen, dass man das Leben nicht immer planen konnte und stets das Beste daraus machen sollte. Sie legte die Fidel ans Kinn, den Bogen auf die Saiten und die Finger ans Griffbrett. Während das Schiff langsam das Festland hinter sich liess, spielte sie auf:
In den Weiten des Meeres, so wild und so frei,
segelt der Kutter, mit 'ner Bardin dabei.
Die Wellen, sie tragen uns dem Himmel entgegen,
das Ziel der Reise ist fern und entlegen.
Oh Bajard, du Perle am Meer,
dein Glanz und dein Treiben, man rühmt dich so sehr.
Die Schiffe, sie tanzen zu den Wellen im Gang,
in deinen Gassen erklingt Freud' und Gesang.
Zu Adoran, da tanzen die Mädchen im Wind,
mit strahlenden Augen, so schön und geschwind.
Ihre Lieder und Tänze, sie erfüllen die Luft,
und das Herz dieser Bardin, es folgt diesem Duft.
Oh Bajard, du Perle am Meer,
dein Glanz und dein Treiben, man rühmt dich so sehr.
Die Schiffe, sie tanzen zu den Wellen im Gang,
in deinen Gassen erklingt Freud' und Gesang.
Wir lassen das Festland dahinten zurück,
mit dem Wind in den Segeln, so voll mit dem Glück.
Die Freiheit ruft uns hinaus auf das Meer,
wir folgen dem Ruf nach dem Rum und nach mehr.
Oh Bajard, du Perle am Meer,
dein Glanz und dein Treiben, man rühmt dich so sehr.
Die Schiffe, sie tanzen zu den Wellen im Gang,
in deinen Gassen erklingt Freud' und Gesang.
In den Weiten des Meeres, so wild und so weit,
segeln wir fort 'gen Unendlichkeit.
Die Melodien des Lebens begleiten fortan,
und wir singen das Lied den Gezeiten heran.
Ein Sternlicht am Himmel
Über die längste Zeit hinweg verlief die Reise ruhig, und die See zeigte sich von herrlichster Seite. Andante genoss die Zeit und lernte unterwegs die wichtigsten Küsten, Winde und Untiefen Gerimors. Die Stimmung auf dem Kahn war ausgelassen, und man akzeptierte sie fast schon als Kameradin. Nicht zuletzt verdankte sie diese Gastfreundschaft ihren derben Sprüchen, welche oft die gesamte Mannschaft herzhaft und laut zum Johlen brachten. Gar der Kapitän musste ab und an ein Schmunzeln wegdrücken, um die stoische Miene aufrechtzuerhalten.
Doch gerieten Andante und die Matrosen, wenige Tage vor ihrer Ankunft, auf ihrer Reise nach Bajard in einen plötzlichen und unerbittlichen Sturm. Niemand, auch nicht die scharfen Augen aus dem Krähennest, sah ihn in dieser Stärke kommen — ebenso wenig die Seebären an den Tauen und Leinen. Die Wellen türmten sich eilig zu gigantischen Höhen auf, und der Himmel verdunkelte sich blitzartig bedrohlich. Die Mannschaft kämpfte tapfer gegen die Naturgewalten an, um das Schiff auf Kurs zu halten. Doch der Sturm war gnadenlos und verlangte alles von ihnen ab. Während des Tobens schlugen die Wellen hart auf das Deck und zerrten an den hartgesottenen Seebären. Die Gischt krallte sich um die Füsse und riss an allem und jedem. Von einem mitgerissenen Tau erfasst, wurde einer der Matrosen schliesslich über Bord gespült. Die Wellen verschlangen ihn wie ein hungriges Ungeheuer, und das tosende Meer liess keinen Raum für Rettungsversuche.
Für den Moment blieb keine Zeit zur Trauer, alle kämpften diese Nacht noch bis tief in den Morgen um das blanke Überleben. Erst im Laufe des nächsten Tages kehrte allmählich wieder Ruhe ein. Stille. In schweigsamer Andacht trauerte die Besatzung in den Abendstunden um den Verstorbenen. Bei leichtem Wellengang und Rum. In den Augen der Mannschaft erkannte Andante dabei aufrichtige Trauer wie auch Demut. Viel mehr aber noch den unerschütterlichen Willen, trotz aller Widrigkeiten gemeinsam weiterzusegeln und dabei das Leben zu feiern. Inspiriert von dieser unbezwingbaren Meute griff sie zur Fidel und stimmte, gar für ihre Verhältnisse, äusserst melancholische Töne an. Als die Melodie erst leise aufspielte, wurde es um sie ruhiger und ruhiger, bis selbst das Meer zu schweigen schien. Alle Augen an Deck waren auf sie gerichtet.
Die Worte, die sie dafür wählte, waren nicht die ihren. «Mit Temoras Geleit» — so sang man auf jedem Kahn aus Schwarzwasser, seit Seeleute ihre Toten dem Wasser übergaben, und sie hätte ebenso gut einen anderen Namen eingesetzt, hätte diese Mannschaft einen anderen verehrt. Was sie der Göttin schuldig blieb, schuldete sie dem Augenblick nicht: dem Schweigen, das sich übers Deck legte, den Gesichtern, die sich ihr zuwandten, der Art, wie ein Kummer, einmal in Verse gefasst, sich plötzlich tragen liess. Das war ihr Glaube, wenn sie einen hatte — nicht an Temora, sondern an das, was ein Lied mit Trauernden anstellen konnte.
Im Sturm und im Tosen, da weinte das Meer,
die Wellen, sie tragen ihn vor uns daher.
Ein tapfrer Matros, so jung und so frei,
vom Sturme verschlungen, für immer vorbei.
Oh gehet, mein Freund, mit Temoras Geleit,
trotzend dem Sturm sowie der Gezeit.
In unseren Herzen, da wirst du nun sein,
ein Sternlicht am Himmel und niemals allein.
Die Winde, sie singen ein trauriges Lied,
als wir Abschied nahmen, dein Name versiegt.
Die Mannschaft trauert, die Herzen so schwer,
doch wir bleiben vereint auf rauestem Meer.
Oh gehet, mein Freund, mit Temoras Geleit,
trotzend dem Sturm sowie der Gezeit.
In unseren Herzen, da wirst du nun sein,
ein Sternlicht am Himmel und niemals allein.
Tief am Grund, in Ruh' und in Frieden,
dein Lächeln, dein Mut, für immer geblieben.
Gedanken an dich, sie tragen uns fort,
durch stürmische See an sicheren Ort.
Das Leben auf See, es ist voller Gefahr,
doch unser Band hält, was immer auch war.
Wir singen dir Lieder in stürmischer Nacht,
bis der Morgen dich heimholt und über dich wacht.
Oh gehet, mein Freund, mit Temoras Geleit,
trotzend dem Sturm sowie der Gezeit.
In unseren Herzen, da wirst du nun sein,
ein Sternlicht am Himmel und niemals allein.
In die Weiten des Meeres, da tragen wir dich,
ein Teil von uns, des Leuchtturms Licht.
Du magst hier nimmer mehr sein,
doch deine Seele wird weh'n,
ein Sternlicht am Himmel — nie mehr allein.
Die Reise ging voran. Gerimor rückte näher und näher. Während Andante eines Morgens auf dem Deck stand und die Wellen beobachtete, hörte sie zufällig die Matrosen darüber sprechen, wie viel Gold sie wohl in Adoran verdienen könnten. Es wurde gemunkelt, dass zu dieser Zeit die Geschäfte in der Hafenstadt gut liefen und reiche Kaufleute grosszügig ihre Münzen verteilten. Andante lauschte diesem Gespräch, und ein vages Bild der Zukunft begann in ihrem Kopf zu keimen. Von Bajard soll's mit dem Tross weiter nach Osten gehen… Sollte sie sich dieser Gruppe anschliessen? Immerhin wuchs sie doch im Königreich Alumenas auf. Oder doch nach Westen, und neue Gepflogenheiten entdecken? Sich bedeckt halten? Nein, K'awi! K'awi soll es sein!
«Land in Sicht! Bajard liegt vor uns!», erklang es auch vom Krähennest. So verstaute Andante ihre Fidel, lehnte sich an die Reling und atmete tief den Duft ein, der über die Wellen zu ihr getragen wurde. Der Duft der fremden Küste. Ihre Gewandung, wenn auch kein prachtvolles Kleid, flatterte im Wind. Das Schiff glitt dahin, und die furchtlosen Seefahrer zogen um sie herum mit stoischer Miene die Taue bereit. Wenn es auch nicht ihre eigene Mannschaft oder gar ihr Schiff war, so fühlte sie sich für einen Moment wie damals in ihrem Traum…